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Eröffnung Fotoausstellung „Jüdischer Friedhof Michelbach an der Lücke“ am 14. November im Landratsamt Schwäbisch Hall
Kategorie: Wallhausen aktuellLandkreis. Wallhausen.
 

 

Aus Anlass der Übergabe der von Barbara Schwedler-Henke, Mannheim, und Roland Bauer, Braunsbach-Winterberg, erstellten Dokumentation über die jüdischen Friedhöfe in Braunsbach, Dünsbach und Michelbach/L an das Kreisarchiv Schwäbisch Hall, wurde am 14. November 2019 im Landratsamt Schwäbisch Hall eine Fotoausstellung über den jüdischen Friedhof in Michelbach/L eröffnet. Diese Friedhöfe sind im wahrsten Sinne des Wortes die letzten steingewordenen Zeugnisse jüdischer Kultur in Deutschland. Barbara Schwedler-Henke hat sämtliche noch lesbaren Grabinschriften entziffert und übersetzt, jeder Grabstein wurde von ihr und dem befreundeten Fotografen Roland Bauer aus Braunsbach-Winterberg, fotografiert. Allein schon die Fotodokumentation besitzt wegen der in unserer Zeit durch schädliche Umwelteinflüsse beschleunigten Verwitterung einen hohen Wert. Über alles Nützliche hinaus haben Barbara Schwedler-Henke und Roland Bauer mit dieser Arbeit ein Zeichen gesetzt gegen das Vergessen und das Vergessen werden.

 

Erster Landesbeamter Michael Knaus wies darauf hin, dass jahrhundertelang jüdische Bewohner und Persönlichkeiten die Geschichte des Landkreises mitgeprägt haben. Die bedeutendsten Gemeinden bestanden in Crailsheim, in Braunsbach, in Michelbach/L, im 20. Jahrhundert dann auch in Schwäbisch Hall, und ihre Geschichte ist auch einen wesentlichen Bestandteil der Geschichte des Landkreises Schwäbisch Hall. Wie überall in Deutschland endete auch hier die jüdische Geschichte mit der Verwüstung der Synagogen im Novemberpogrom von 1938, der erzwungenen Auswanderung von Gemeindemitgliedern und schließlich 1941 und 1942 mit der Deportation der noch verbliebenen jüdischen Bürger in die Konzentrationslager.

 

Die Spuren derer, die der Katastrophe des 20. Jahrhunderts zum Opfer gefallen sind, sind heute fast gänzlich ausgelöscht: Der Innenraum der Synagoge in Braunsbach wurde beim Novemberpogrom 1938 zerstört, das Gebäude selbst 1952 zur Turn- und Festhalle umgebaut. Auch die Inneneinrichtung der Crailsheimer Synagoge wurde 1938 zerstört, das Gebäude blieb zunächst bestehen. 1945 wurde sie kriegszerstört. Die Synagoge in Dünsbach wurde 1935 nach Auflösung der jüdischen Gemeinde verkauft und wegen Baufälligkeit abgebrochen. Und beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge in Steinbach weitgehend zerstört. Die Mauerreste sind in einem Dreifamilienwohnhaus aufgegangen. Als einzige Zeugnisse jüdischer Kultur im Landkreis Schwäbisch Hall haben sich das Rabbinat in Braunsbach, die Synagoge in Michelbach/L sowie die jüdischen Friedhöfe erhalten.

 

Erster Landesbeamter Knaus betonte, wir alle sollten mit der Verbreitung des Wissens um den langen Weg des deutschen Judentums dazu beitragen, dass es nicht noch einmal zu solchen Verbrechen kommt, weder gegen Juden noch gegen andere Gruppen oder Minderheiten.

 

Auch der Fotograf Roland Bauer aus Braunsbach, erinnerte an die zwölf Jahre des nationalsozialistischen Terrors und appellierte an alle, sich gegen den gegenwärtig erstarkenden Rechtspopulismus offen zu stellen. Als er 1985 zusammen mit Barbara Schwedler-Henke mit dem Fotografieren der Grabsteine begann, waren sie die Pioniere auf diesem Gebiet. Eine Bezahlung für ihre Arbeit erhielten sie keine, lediglich die Materialkosten wurden ihnen erstattet. Was für einen jungen Familienvater, der vom Fotografieren lebte, viel Enthusiasmus abforderte. Für ihn bedeutete die Arbeit mit Frau Schwedler-Henke jedoch auch einen Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit und er denkt noch heute gerne an das Projekt zurück.

 

Dr. Hans P. Müller erinnerte daran, dass die Initialzündung für die Dokumentation von der Eröffnung der Gedenkstätte in der Synagoge Michelbach/L im Jahr 1984 ausgegangen war, für deren Realisierung sich vor allem Herr Leitender Regierungsdirektor Albert Rothmund unermüdlich einsetzte. Als damaliger Kreisarchivar gehörte Dr. Müller federführend einer Arbeitsgruppe an, die ein Ausstellungskonzept für die Gedenkstätte entwickelte.

Er würdigte noch einmal die geleistete Pionierarbeit bei Übersetzung der hebräischen Inschriften, wodurch zukünftigen Forschern ein leichter Zugriff ermöglicht werde, der sonst nur für ausgesprochene Fachleuten vor Ort denkbar gewesen wäre.

 

Abschließend warf er die Frage auf, ob diese Präsentation jahrelanger Forschungen einen Akzent setzen kann gegen die in den letzten Jahren anschwellende Woge von fremdenfeindlichen Manifestationen, von Rassismus und nicht zuletzt Antisemitismus? Diese Frage könnte vielleicht angesichts der deutschlandweiten Proteste - etwa gegen das Geschehen in Halle - mit ja beantwortet werden. Aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass ein beträchtlicher und wachsender Teil unserer Bevölkerung von den jahrzehntelangen Bemühungen zur ehrlichen und selbstkritischen Aufarbeitung unserer braunen Vergangenheit unbeeindruckt blieb. Dies darf aber nicht zur Resignation führen. Vielmehr sollten Trauer, Scham und Wut Ansporn sein, die Bemühungen unbeirrt fortzusetzen, für die uns Frau Schwedler und ihre Mitstreiter ein leuchtendes Beispiel gegeben haben.

 

Zum Schluss ergriff Frau Schwedler-Henke das Wort. Zu der Beschäftigung mit jüdischen Friedhöfen war sie auf einer Wanderung, wo sie den jahrhundertealten jüdischen Friedhof von Berlichingen entdeckte, und von dessen Aura sie völlig eingenommen wurde. Sie begann zu fotografieren, und als sie in Israel für ihre Bilder einen Preis erhielt, wurde ihr bewusst, wie wichtig die Pflege und der Erhalt dieser letzten Zeugnisse von unwiederbringlich Verlorenem ist. Ihr "Handwerk", wie sie ihre Arbeit selbst bezeichnet, hatte sie bei dem jüdischen Gelehrten Naftali Bar-Giora Bamberger aus Jerusalem gelernt, dem sie als Mitarbeiterin sieben Jahre lang bei der wissenschaftlichen Dokumentation jüdischer Friedhöfe geholfen hatte.

 

Mühevoll identifizierte sie mit Hilfe der Angaben in den Grabinschriften die Verstorbenen: Name, Ämter, Sterbedaten, letztere selbstverständlich umgerechnet in die bürgerliche Zeitrechnung. Das gelang jedoch nur, wenn diese Angaben noch lesbar waren. Dabei bediente sie sich eines Tricks aus der Archäologie: War eine Inschrift nur schwer zu entziffern, befeuchtete sie den Stein, durch die Feuchtigkeit traten die Konturen der Inschrift deutlicher hervor.

 

Auch erläuterte sie die wichtigsten Regeln zum Lesen von hebräischen Inschriften auf Grabsteinen und gab einen Überblick über die Symbole und Verzierungen. Vervollständigt wird die Dokumentation anhand eines Lageplans und einer Gräbertabelle.

 

Aus der Gemeinde Wallhausen war Bürgermeisterin Frau Rita Behr Martin gekommen, die Barbara Schwedler-Henke und Roland Bauer als Zeichen ihres Dankes für deren großes Engagement und Einsatz um das kulturelle Erbe der jüdischen Gemeinde Michelbach/Lücke, ein Geschenk (Weingläser mit Wappen der Gemeinde) überreichte. Auch der „Förderverein Synagoge Michelbach e. V.“, der ein Duplikat der Dokumentation erhalten hatte, bedankte sich mit einer Flasche koscherem Wein.

 

Die Dokumentation ist im Internet abrufbar unter:

https://www.kreisarchiv-lrasha.findbuch.net/php/main.php?ar_id=3707#4a2032

 

 

 

 

Bildunterschrift (v.l) Erster Landesbeamter Michael Knaus, Bürgermeisterin Rita Behr-Martin, Roland Bauer, Barbara Schwedler-Henke, Dr. Hans P. Müller, Herma Paul, Hannelore Seibold, Kreisarchivarin Monika Kolb, Josef Hartl Foto:

Landratsamt Schwäbisch Hall

 

Gemeinde Wallhausen • Seestraße 2 • 74599 Wallhausen
Tel. 07955/9381-0 • Fax 07955/9381-26 • eMail rathaus@gemeinde-wallhausen.de